Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Sie sind gut gelaunt, fühlen sich motiviert und voller Power. Sie entscheiden, nach dem Büro noch in der Stadt ein bisschen bummeln zu gehen (Die Herrn überlegen sich bitte ein adäquates Pendant dazu, z. B. in ein Bauhaus gehen oder in einen Autoersatzteilesupermarkt oder auch Unterhaltungseletronikshop). Vergnügt schlendern Sie die Einkaufstraße hinunter (durch das  Heimwerkerparadies o. ä.).

Völlig unerwartet springt Sie eine Bekannte (Bekannter) von der Seite an. „Ja, hallo! Lange nicht gesehen! Welch Freude!“ Sie freuen sich wirklich! Hatten Sie diese Person ja schon einige Zeit aus den Augen verloren. Warum eigentlich? Der Grund fällt Ihnen 10 Minuten später wieder ein. Besagte Person überredet Sie, mit Ihr etwas trinken zu gehen.

Kaum haben Sie sich im Lokal gesetzt, trifft Sie der Redeschwall. Vom Durchfall der Kinder bis zur eitrigen Wurzelbehandlung, die falsch diagnostiziert wurde, werden Ihnen alle Details der letzten Jahre inklusive Ehekrisen und Bürotratsch erzählt. (Bei den Herren wird es eher um die nichterhaltene Beförderung gehen oder den neuen Typen, der einem vor die Nase gesetzt wurde, die Frau, die ihn sexuell auf Distanz hält, usw.). Sie selbst kommen kaum zu Wort.

Als Sie endlich eine Chance sehen, etwas von sich zu erzählen, hören Sie von Ihrem Gegenüber plötzlich: „Oh, du meine Güte! Schon so spät! Ich muss jetzt wirklich los! War nett, dich getroffen zu haben. Machen wir doch einmal wieder was! Ruf mich einfach an oder schreib mir ein Mail!“

Sie bleiben zurück und fühlen sich plötzlich unendlich müde und ausgelaugt. Dahin ist die gute Laune, dahin das Vergnügtsein, dahin die Lust, sich etwas Nettes zu kaufen. Sie fragen sich, was das gerade war. Sie fühlen sich wie im falschen Film.

Das war ein Angriff eines Energievampirs. Und die sind nicht nur in Transsylvanien zu Hause, sondern sind praktisch überall zu finden.

Sie nähren sich von der Lebensenergie anderer Leute und haben ein untrügliches Gespür dafür, wo man solche Exemplare findet bzw. wann sie zuschlagen müssen. Es trifft das Opfer immer völlig unerwartet, in einem Moment, in dem es wehrlos und nichtsahnend ist.

Simplifiziert könnte man sagen: Energievampire sind Menschen, die mehr nehmen als geben und suchen sich natürlich als Opfer Menschen, die gerne mehr geben als nehmen. (Die Logik ist ziemlich ausgeklügelt, nicht wahr?). Die Opfer sind prädestiniert dafür, sich hin und wieder oder auch öfter ausnützen zu lassen.

Gefinkelt

Jetzt könnte man sagen: Na gut, wenn ich das eh weiß, dass das einer dieser Sorte ist, dann geh ich ihm halt aus dem Weg. Wenn das so einfach wäre! Energievampire haben erstens sehr sensible Antennen für die geeigneten Opfer und in welcher emotionalen Situation Sie sich gerade befinden und zweitens ein Gespür dafür, wie man Sie ködert! Ein Kompliment hier, eine kleine Geste da, und schon haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie der Person aus dem Weg gehen, weil im Grunde ist sie sehr sympathisch oder charmant.

Unterschiedliche Arten von Energievampiren

Wie bei allen Spezies gibt es auch bei den Energievampiren mehrere Arten. Die erste, den Vampir im eigentlich Sinn, hatten wir ja jetzt schon.

Die zweite kennen Sie vermutlich auch recht gut: Den Miesmacher

Egal, was Sie freudvoll erzählen, er wird ein Haar in der Suppe finden und das so lange bis Sie völlig geknickt sind. Beispiel: Sie: „Stell dir vor! Wir kaufen uns jetzt Auto XY!“ Miesmacher: „Was? Bist du irre? Hast du den letzten Testbericht nicht gelesen? 20 % aller Autounfälle geschehen mit dieser Marke. Außerdem hab ich gehört, dass die billiges Material verwenden, und deshalb sind die Fahrzeuge einfach überteuert. Man muss schon verrückt sein, wenn man den kauft. Und in schwarz auch noch? Das weiß doch jeder, dass schwarz ganz schlecht ist, vor allem im Sommer!“

Und dann wäre da noch der sogenannte Gemeine Mistverstärker

Wann immer er Ihnen begegnet, wird er Probleme und negative Storys aus dem Umfeld erzählen und hinter allem eine Verschwörung vermuten. Das kann bis zu infamen Verleumdungen führen. Zum Beispiel: Der Abteilungsleiter, der auf Grund eines neuen Projektes nun zwei Tage in der Woche länger im Büro bleibt, hat selbstverständlich mit Sicherheit eine Geliebte. Während die ersten beiden seiner Kinder wahrscheinlich eh Kuckuckskinder sind, denn sie sind weder so intelligent wie er, noch sehen sie ihm ähnlich. Die Assistentin, die belauscht wurde, als sie sich vom Büro aus einen Termin beim Gynäkologen mit einer gewissen Dringlichkeit ausmacht, ist entweder schwanger (vom Abteilungsleiter) oder will abtreiben (auch vom Abteilungsleiter). Seine Gespräche fangen häufig mit: „Hast du schon gehört, …“ oder „Was ich dir unbedingt erzählen muss, …“ an.

Was tun, wenn einem das gehörig am Senkel geht?

Hier ein paar Tipps:

Tipp 1: hängende Schallplatte

Sind Sie dem Energievampir doch ins Netz gegangen und wollen möglichst schnell unbeschadet davon kommen, dann wiederholen Sie innerlich und natürlich auch ihm gegenüber immer wieder den Satz: Es interessiert mich nicht.

Sollte Ihnen derjenige dann Vorwürfe machen, dass Sie ihm zuwenig Aufmerksamkeit schenken und doch auch früher immer… – wiederholen Sie den Satz: Es interessiert mich nicht.

Tipp 2: Aufmerksamkeit entziehen

Wenn Sie gerade vollgelabert werden und Sie bemerken einen Energieabfall, ist heutzutage nichts einfacher, als sein Handy hervorzuziehen und diesem seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Spielen Sie Solitär oder FarmVille oder so etwas, damit der andere bemerkt, dass Sie nicht interessiert sind. Sollten Sie als unhöflich eingestuft werden, können Sie mit „Unhöflicher ist, dass du mir ohne dass ich es will, diesen ganzen Schrott erzählst. Erzähl etwas Positives und ich höre dir wieder zu.“

Tipp 3: Körperhaltung verändern

Wenden Sie sich ab oder verschränken Sie die Arme vor dem Körper. Die Damen können auch ihre Handtaschen als Bollwerk gegen negative Energie vor sich auf die Schenkel stellen. Das bildet ebenfalls eine Barriere.

Tipp 4: Auf Durchzug schalten

Ich nenne das auch gerne immer den Pinguine-aus-Madagascar-Trick: Stur lächeln und winken! Machen Sie ein freundliches Gesicht und singen Sie intern irgendein Lied, am besten ein Kinderlied, denn das zwingt automatisch ein authentisches Lächeln auf Ihre Lippen. Sollten Sie zwischendurch gefragt werden, was Sie dazu meinen, sagen Sie einfach die Wahrheit: „Ich lasse es mir durch den Kopf gehen!“ (nämlich beim einen Ohr rein, beim anderen raus)

Tipp 5: Unterbrechen

Jedes Mal, wenn der Energievampir mit einer Schauergeschichte beginnt, unterbrechen Sie ihn einfach und erzählen etwas unglaublich Positives, das Ihnen passiert ist. Auch wenn Sie das erst erfinden müssen. Damit unterbrechen Sie sein Muster. Mit jeder positiven Geschichte laden Sie sich nämlich wieder auf. Achten Sie darauf, dass Sie, bevor Sie sich wieder trennen, das letzte Wort haben.

Tipp 6: Kombinieren Sie alle Tipps miteinander.

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren!

Astrid Haltmeyer

 

P.S.: Mehr von Astrid auf: www.aha-erlebnisse.at